Jagd

Interview von Beate Rost mit dem Biologen Dr. Karl-Heinz-Loske:

„Ich hatte vor einigen Jahren die Gelegenheit für eines meiner Bücher, mit dem Wissenschaftler, Buchautor und Biologen Dr. Karl-Heinz Loske über Hintergründe und Fakten zum Thema Jagd zu sprechen. Er bezog insbesondere Stellung zu Themen, die im Brennpunkt von Jagd und Tierschutz stehen.
Aus aktuellem Anlass möchte ich an dieser Stelle einen kleinen Auszug aus dem noch immer hochaktuellen Interview veröffentlichen. Sehr interessant finde ich vorallem seine Auslegung zum Thema Schweinepest (siehe ganz unten).

Ich würde mir wünschen, dass diese Zeilen kreuz und quer durch die Republik geteilt werden, um der Mär, die sich in den Köpfen der Bevölkerung festgesetzt hat, entgegenwirken und meiner Heimatstadt Paderborn ein deutliches Zeichen setzen zu können.

B.R.: Herr Dr. Loske, Sie sind Landschaftsökologe und Biologe und arbeiten seit mehr als 25 Jahren freiberuflich im Naturschutz. Im Jahr 2006 haben Sie Ihr Buch „Von der Jagd und den Jägern“ veröffentlicht, in dem Sie sich eingehend mit den wahren Motiven der Jäger auseinandersetzen. Sie vertreten in Ihrem Buch unter anderem die These, dass die Hobbyjagd aus ökologischer Sicht entbehrlich sei, und Sie eine Natur ohne Jagd in Deutschland für möglich halten. Nun hat es die Jägerschaft in den letzten Jahrzehnten erfolgreich geschafft, der Öffentlichkeit einzureden, dass sich die Wildtiere ohne eingreifende Jagd unkontrolliert vermehren, und die Bestände ins Uferlose wachsen würden. Stimmt das?

Dr. K.-H.L.: Nein. In der Natur existiert durch gegenseitige Beeinflussung ein verknüpftes Beziehungsnetz, das den gegebenen Umweltbedingungen bzw. der Umweltkapazität entspricht. Dieses Netz mit seinen natürlichen Mechanismen wirkt auch in der vom Menschen geprägten Kulturlandschaft. Eine Population kann sich nicht „übervermehren“, sonst würde sie verhungern. Die Umwelt setzt hier klare Schranken.

B.R.: Sind es also in Wahrheit die Jäger selbst, die dafür sorgen, dass eine unkontrollierte Vermehrung der einzelnen Spezies stattfindet?

Dr. K.-H.L.: Genau. Nehmen Sie den Abschuss der Leitbachen. Leitbachen kontrollieren in den Wildschweinrotten sehr genau, wer sich fortpflanzen darf, und wer nicht. Wird die Leitbache aber durch den Jäger erschossen, fehlt genau dieser Kontrollmechanismus innerhalb der Rotte. Es kommt unweigerlich dazu, dass der Keiler sämtliche weiblichen Tiere deckt und somit einen unkontrollierten Vermehrungsprozess in Gang setzt. Diese Tatsache wird von den Jägern nicht einmal abgestritten, sondern sogar in ihren einschlägigen Zeitungen ausführlich beschrieben. Man ist sich in Jägerkreisen dieser biologischen Zusammenhänge durchaus bewusst. Auch bei den Füchsen brauchen wir keine Jäger! Die ständige Dezimierung von Füchsen zerstört Altersstruktur und soziale Ordnung. Anstelle fester Paarbindungen und stabiler Familien, in denen nur die alte Füchsin Junge bekommt, und die Territorialstruktur die Vermehrung begrenzt, steigt bei Bejagung die Zahl fruchtbarer Füchsinnen und ihre durchschnittliche Welpenzahl. In Gebieten mit stabilen Fuchsgruppen und einem Bejagungsverbot wurde nachgewiesen, dass zwei Drittel der reproduktionsfähigen Füchsinnen sich nicht an der Fortpflanzung beteiligten. Fuchsbestände können zudem durch die Jagd nicht dauerhaft reduziert werden, da leergeschossene Fuchsreviere sofort wieder von eingewanderten Jungtieren besetzt werden, und scharf bejagte Bestände sich viel stärker ausbreiten als unbejagte Populationen. Senkt man die Fuchsdichte durch die Jagd stark ab, dann wird sich nur umso stärker vermehrt, je geringer die Dichte ist. Unbejagte Fuchsbestände dagegen pendeln um ein niedrigeres Bestandsniveau. Da diese Gesetzmäßigkeiten für fast alle Beutegreifer gelten, bleibt nur folgendes Fazit: Die Jagd ist das Problem und nicht die Lösung!

B.R.: Ich habe in Ihrem Buch ein Zitat des englischen Philosophen Jeremy Bentham gelesen. Er sagte „Die Frage ist nicht: Können sie sprechen? Noch: Können sie logisch denken? Sondern: Können sie leiden?“ Jagd bedeutet Töten. Und Töten geht immer mit Angst und Qual der betroffenen Tiere einher. Trotzdem behaupten die Jäger, sie töten angst- und schmerzfrei. Kann man das glauben?

Dr. K.-H.L.: Natürlich nicht. Sehr oft werden Tiere nur angeschossen. Beliebte Jägersprüche sind auch „angebleit“, „angeflickt“ und „angeschweißt“. Oft schleppt sich Schalenwild mit von der Kugel zerfetztem Körper, heraushängenden Eingeweiden und gebrochenen Knochen durch den Wald. Es ist völlig absurd anzunehmen, dass es in der Schmerzwahrnehmung Unterschiede zwischen Mensch und höher entwickelten Tieren gibt. Vor allem bei Verletzungen in ausweglosen Jagdsituationen wie zum Beispiel der Treib- und Drückjagd dürften Tiere den Schmerz besonders intensiv erleben, und nichts als dumpfe Angst empfinden. Der Mensch immerhin kann sich seinen Schmerz erklären, vielleicht Gründe und Sinn darin sehen. Das verwundete Tier jedoch wird in seiner ganzen instinktiven Existenz eins mit Angst und Schmerz. Hier tut sich ein Abgrund an Grausamkeit auf. Angeschossene oder bedrängte Tiere schreien, heulen, quieken, fauchen, stöhnen, zittern oder krümmen den Körper vor Schmerz.

B.R.: Die Angst vor dem Fuchsbandwurm hat sich in der Bevölkerung ebenfalls tief in den Köpfen festgesetzt. Kann man davon ausgehen, dass auch hier nur Panikmache der Jägerschaft vorliegt?

Dr. K.-H.L.: Da es in Deutschland jährlich nur 1 – 10 Neuerkrankungen durch den Fuchsbandwurm gibt, ist das Risiko, sich bei der morgendlichen Rasur die Kehle durchzuschneiden, statistisch betrachtet größer, als sich am Fuchsbandwurm zu infizieren. Jäger sehen sich im Übrigen in der „Pflicht“ als Saubermänner, die eine chaotische Natur auf Vordermann bringen müssen. Schon beim Wort Schweinepest wird auf jedes Wildschwein geschossen, was sich bewegt, um angebliche Gefahren abzuwenden. Dabei existiert gar keine Bedrohung für den Menschen, da der Virus ihn gar nicht befällt, sondern nur eine Gefahr für die Massentierhaltung von Hausschweinen ist. Zudem wird die Ausbreitung des Schweinepestvirus nachweislich durch Bejagung gefördert. Es mag für naturentfremdete Menschen bitter klingen und auch Angst machen: Krankheit und Seuchen sind in der Natur alltägliche Prinzipien des Lebens, die zwingend dazugehören. Bei den meisten Seuchenzügen stirbt nur ein kleiner Teil einer Population, der Rest überlebt, und ist immunisiert.“

Anmerkung von Tierschutzengel e.V.: „Die von Dr. Loske vertretene Haltung stimmt mit unserer zu 100% überein.“

Hier noch ein weiteres Interview mit ihm:

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